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MOZART GOES PROTESTANT „Ich habe die Vermutung ..., ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen - ich sei aber sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und dass ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.“ Karl Barth, dem bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, verdanken wir diesen Ausdruck „himmlischer“ Hochschätzung Mozarts und aller seiner Musik. 2006 - Mozartjahr. Am 27. Januar 2006 feiert alle Welt den 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart. Schon früh war Mozart auch ein Komponist von Kirchenmusik. Mit zehn Jahren schrieb er sein erstes Kyrie (KV 33), dem mehr als sechzig geistliche Werke folgten; über seinem „Requiem“ ist er gestorben. In München heißt es nun 2006: „Mozart evangelisch“. Sämtliche Messen werden im Gottesdienst zur Aufführung gebracht. Freilich hat Mozart, von Hause aus Katholik, für die Formen des katholischen Gottesdienstes geschrieben. Mozart-Messen, und vor allem sein Requiem, in evangelischen Kirchenkonzerten - das ist seit langem unumstritten. Mozart-Messen im evangelischen Gottesdienst - das scheint ein spannungsreicheres Unternehmen zu sein. Nun ist die Messe ja auch die Form des evangelisch-lutherischen Gottesdienstes, und dass Kyrie, Gloria (Missa brevis), Credo, Sanctus und Benedictus, Agnus Dei einmal nicht von der Gemeinde, sondern in ihrer Stellvertretung von Solisten, Chor und Orchester gesungen werden, ist eine hervorragende und legitime Möglichkeit. Aber es gibt eine Reihe von inneren Kriterien, die Mozarts Musik gottesdienstliche Würde, gerade im evangelischen Raum, verleihen. Es ist von besonderem Interesse, dass Mozart und seine Musik gerade in der evangelischen Theologie häufig interpretiert und kontrovers diskutiert wurden. Man kann auf D.F. Schleiermacher verweisen, oder auf S. Kierkegaard, der Mozart gar an die Spitze aller berühmten Männer stellt. Mozart verkündigt nicht in seinen Messen. Seine Musik ist nicht, wie etwa bei den Kantaten Bachs, auf Texte bezogen, die Inhalt von Verkündigung sein könnten, sondern sie ist Trägerin der Liturgie, musikalisches Ritual im Vollzug. Sie entzieht sich dadurch dem Zugriff der Predigt als deren „Text“ und entlastet diese. Sie gibt der Predigt im Gegenteil durch ihre Diktion eine Anleitung zur Freiheit, die der evangelischen Verkündigung der Rechtfertigung des Sünders vor Gott gut ansteht. Karl Barth, der täglich vor seiner Beschäftigung mit der Dogmatik, Mozart hörte, hat dies tiefsinnig zum Ausdruck gebracht. „Mozarts Musik“, so sagt er, „klingt durchweg unbeschwert, mühelos, leicht - und darum entlastend, erleichternd, befreiend, auch in seinen berühmten Moll-Kompositionen. ... Es ist ... tatsächlich so, dass das Schwere schwebt und das Leichte unendlich schwer wiegt.“ Mozart, so Barth, „spielt“ im Vollsinne, bei ihm ist „ein absichtsloses Umgehen mit den Möglichkeiten dieser Welt“ gegeben. Solches Spielen setzt „ein kindliches Wissen um die Mitte - weil um den Anfang und um das Ende - aller Dinge“ voraus. Solch freies Spiel hat keine Botschaft und ist kein Lebensbekenntnis. „Mozart will nichts sagen, er singt und klingt nur eben. Und so drängt er dem Hörer nichts auf, ... gibt ihn nur eben frei.“ So, wie Mozart selbst ein freier Mensch war: „Gott, die Welt, die Menschen, sich selbst ..., den Himmel und die Erde, das Leben und vor allem den Tod vor Augen, in den Ohren und im Herzen, war er ein im tiefsten ... freier Mensch: in einer ihm ... erlaubten und offenbar gebotenen und so exemplarischen Weise.“ In dieser Freiheit ist Mozart für Barth ein exemplarischer Mensch, der von der grundsätzlich „guten Schöpfung etwas gewusst hat“ und „den, der Ohren hat zu hören, bis auf diesen Tag eben das hören (lässt), was w i r am Ende der Tage einmal sehen werden: die Schickung im Zusammenhang.“ In dieser Musik hat die Klage und das Elend der Welt ihren Platz, aber nicht das letzte Wort. Das Spiel ist nicht Erlösung, sondern hält die Botschaft vom guten Anfang und guten Ende offen. „Das Spiel darf und muss noch weitergehen oder von vorne anfangen. Es ist aber ein in irgendeiner Höhe oder Tiefe gewinnendes und schon gewonnenes Spiel“ (Zitate aus Karl Barth: W.A.Mozart, Zürich 1956 u.ö.). Es ist verblüffend, wie diese Beobachtungen an Mozarts Musik sich mit dem decken, wie wir den Gottesdienst selbst zu beschreiben pflegen. Das Spiel ist schon gewonnenes Spiel - daher sind Mozarts Messen wahrhaft gottesdienstliche Musik, denn im Gottesdienst nehmen wir auch vorweg, was noch aussteht: Der Himmel steht offen und das ewige Gotteslob erklingt, gerade in der Gebrochenheit durch die reale Welterfahrung. Derselbe Karl Barth hat in seinem letzten Telefonat vor seinem Tode angesichts der schwierigen Weltsituation die trostreiche Vergewisserung ausgesprochen: „Es wird regiert.“ Nichts anderes drückt die Sprache Mozarts aus, und wir können von ihr die letztlich geborgene und legitime „Leichtigkeit des Seins“ derer, die glauben, lernen, erfahren und mitbuchstabieren. „Erspüren“ hätte Mozart gesagt, der einmal im Gespräch mit dem Nachfolger Bachs in Leipzig Johann Friedrich Doles beklagte, dass diese „aufgeklärten Protestanten“ wohl nie so richtig erspüren könnten, was es mit „Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem, und dergleichen“ auf sich habe. So kehre in diesem Mozartjahr himmlische Musik, Engelsmusik in die evangelischen Kirchen Münchens ein, weniger erdenschwer und problembeladen, sondern als wahres Symbol der Ewigkeit und des Spiels - Kunst eben, dem Evangelium am nächsten stehend, weil unverzweckbar und prinzipiell offen für die Begegnung mit Gott. Mozart goes protestant - „Erspüren“ des Ewigen in ökumenischer Weite und Übereinstimmung. Christoph Reinhold Morath |
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